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Paradigmenwirtschaft

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  [ zurück ] Protokolle verfertigen:

Protokolle werden verfertigt, wenn es einer offiziösen Nachricht an das eigene oder an fremde Gedächtnisse bedarf: das Festschreiben eines Geschehens, um abweichender und falscher Legende oder Ausführung Einhalt zu gebieten und Überprüfbarkeit zu sichern. Sie unterscheiden sich von der bloßen Nachricht durch eine mehr oder weniger unter allen Beteiligten ausgehandelte Sichtweise auf ein Ereignis und haben den Charakter loser Bestandsaufnahmen. Die Welt ist voll davon und die Kunst besteht darin, das richtige Protokoll wieder zu finden, das eine bestimmte Version eines Geschehens beweist oder widerlegt, auf die man sich zu beziehen gedenkt, um ein gewisses Fortschreiten in einem Handlungsstrang abzusichern. So verlangt beispielweise jede "freiwillige Gesetzgebung" eines Vereins, einer Stiftung, das Gründungsprotokoll beizufügen.

Im Unterschied zu einer möglichst unmissverständlichen vertraglichen Vereinbarung darf ein Protokoll Widersprüche enthalten, ist also "multithetisch" und gibt potentiell allen das Wort. Entscheidungsprozesse können naturgemäß nur performativ erfolgen. Ohne Entscheidungshoheit nützt ein Vertrag nicht viel und ist hinfällig. Ein Protokoll hingegen kann auch ohne festgeschriebene Vereinbarungen Grundlagen schaffen, auf denen zukünftig gehandelt werden soll, weil es die unterschiedlichsten Voraussetzungen dafür zusammenfaßt, einen zeitlich und räumlich beglaubigten Status Quo einer Gruppe erstellt, Absichten verankert.

Der Begriff Protokoll ist weit gefaßt: Auch andere Schriftstücke wie Romane "protokollieren" und ihr Erfolg in ihrer Zeit zeigt uns heute, wieviel Wahrheit aus dem zeitgenössischen Fühlen und Denken in ihnen repräsentiert ist. Fachautoren wie Niklas Luhman in "Liebe als Passion" oder Richard Sennett in "Die Tyrannei der Intimität" führen vor, wie man historische Veränderungen anhand von Romanen, Bänkelsang, Kolportagen und zeitgenössischen Berichten aus heutiger Sicht erst angemessen nachvollziehen kann.

Die Figur des Protokollanten ist entscheidend. Er gibt Form, Farbe, Bild - oder dunstet ein, läßt weg. Etymologisch aus dem mittellateinischen protocollum entlehnt, welches wiederum aus dem mittelgriechischen πρωτόκολλον, prōtókollon (aus πρώτος prõtos „erster“ und κόλλα, kólla, "Klebe, Leim") mit der Ursprungsbedeutung "vorgeleimtes Blatt" stammt, sind eigentlich schon alle denkbaren Varianten umschrieben. So werden auch wir unser vorgeleimtes Blatt vorbeibringen und um Füllung bitten.

 

Wie entfliehe ich der Kultur? ... Abwasch X.n

Im Gegensatz zu Karrierefreundschaften, wie sie gerne in sozialen Netzwerken gepflegt werden und ein Bild schaffen, wohin wer will und was sich wer von wem verspricht, wollen wir auf unseren Reisen 2011 vornehmlich und mit Nachdruck die bedingungslosen Kontakte pflegen. Wir sind zu Gast und bitten um protokollarische Beglaubigung.

Im Vordergrund steht hier nicht ein Produkt, sondern die Verfertigung sehr persönlicher "Alben", die nicht verkäuflich sind. Wo andernorts Menschen durch "Events" aus ihren Stuben gelockt werden, um das Gefühl zu haben, an der Welt teilzunehmen, ziehen wir uns in die Stuben zurück, zelebrieren was vom Tage übrig bleibt.

Die Art und Weise, wie Kunst & Kultur für die Öffentlichkeit "gemacht" werden, hat für die Zuarbeiter/innen der "Kulturindustrie" Arbeitsbedingungen geschaffen, die tief ins Privatleben eingreifen. Diese Bedingungen sind das hauptsächliche Gesprächsthema, wenn sich die "Szene" trifft. Unter dem wirtschaftlichen Paradigma der Kreativität werden nicht nur die Ideen, sondern die gesamten Lebensumstände assimiliert, die für die Einzelnen mit der "Kulturarbeit" einhergehen - für die Assimilierten bleibt wenig, die Assimilanten ernten. Doch außer dem Klagen gibt es wenig Aufzeichnungen darüber, wie die/der Einzelne (ob Kunstproduzent oder Kulturagent) sich am Ende (ein)fügt.

Wir haben beschlossen, diese Problematik mit der Frage Wie entfliehe ich der Kultur zu entspannen ...

 



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