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Paradigmenwirtschaft

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Jegliches "Schaffen" bedarf einer gewissen Fachkenntnis (so sollte man zumindest annehmen). Und jedes Fach hat seine gesellschaftlichen Orte und Zirkel, an und in denen der Diskurs über die fachlichen Entwicklungen läuft. So auch in der Kunst: Der Tunnelblick ist unausweichlich - das schwierigste an einem Kunststudium ist bekanntlich die Sozialisierung. Die Ränder eines Fachbereichs zumindest sichtbar zu machen, also die Bedingungen des spezialisierten "Schaffens" mit zu führen, wäre keine schlechte Angelegenheit, geben sie für Außenstehende doch Einblick in die Sozialisations- und Machtstrukturen und schaffen gesellschaftliche Transparenz. Doch das ist selten gewollt:

Um sich in einem Fachbereich "zünftig" zu sozialisieren, kommt niemand mehr um die Kenntnis der sich ständig verändernden Fachterminologien herum. In den Zünften war einst festgelegt, was sich "ziemt", zur Wahrung gemeinsamer Interessen. Was früher ständisch geregelt wurde, ist heute dynamisch organisiert: durch Terminologien, deren Kenntnis einer Eintrittskarte gleichkommt. Dabei wird eigentlich aller Orten viel Gleiches bedeutet, allein, es hat anders ausgedrückt zu werden. Unbestritten sind Terminologien bisweilen auch sinnvoll, um Sachverhalte unmissverständlich zu benennen oder gar überhaupt begrifflich zu erfassen. Diese sinnvolle Entwicklung wird jedoch konterkariert durch eine unverhältnismäßige Zahl von Scheinterminologien, die nur installiert werden, um identitätsstiftend für einen Konzern, eine Berufsgruppe, eine Volksgemeinschaft zu wirken (scripted reality). Damit ist ein Schutzraum (ein Tunnel) hergestellt, der gegenüber gleichbedeutenden aber anders formulierten Terminologien protektionistisch wirkt. Man simuliert z.B. Paradigmenwechsel, es findet aber nur eine Umbenennung statt. Der Trick einer Parallelterminologie bietet alle Möglichkeiten, einen Diskurs derart zu verwirren, dass die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Problemstellung abgezogen und erst einmal in (bisweilen Dekaden dauernde) Begriffsklärungen verlagert wird.

Selbstverständlich gilt das Gesagte auch für die Kunst. Besonders raffiniert zeigt sich hier, dass es bei einer "modernen" Kunstproduktion zum guten Ton gehört, die Bedingungen des Schaffens offen zu legen und begrifflich mitzuführen. Inzwischen auf dem Kunstmarkt als leere Hülse angekommen, sichert sich "Kunst" so auch gegenüber der Kritik, protektionistisch zu agieren und ist somit prädestiniert, als Fähnrich der Freiheit zu fungieren. Nun ist historisch der Fähnrich bekanntermaßen die Einstiegskarriere in die Offizierslaufbahn, die unterste Kategorie mit der gleichzeitigen, mutprobeartigen Aufgabe, das Fähnlein bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen. Die Verteidigung der "Freiheit der Kunst" durch die Künstler_innen weist erstaunlich ähnliche Züge auf. Sie stehen an vorderster Front, wenn es um die Präsentation einer Terminologie der Freiheit geht, ihr gesellschaftlicher Rang entbehrt jedoch meist jeglicher Entscheidungsgewalt. Allein die begriffliche Wahrung des Schutzraums der "Freiheit der Kunst" scheint ihre Aufgabe zu sein.

 

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... durch's Tunnelsegment

Das Begriffspaar create and forget dient uns als "Handlauf", als Bilderrahmen für unsere Aktionen im (halb)öffentlichen Raum. Und wir sind uns klar bewußt darüber, dass wir hier mit einem Terminus unterwegs sind, der einen Tunnel erzeugt, um in der Welt Vergleiche anstellen zu können. Warum dies also nicht auch architektonisch berücksichtigen? Mit der Konstruktion zweier Tunnelsegmente tragen wir dem Rechnung.

Selbstverständlich referenzieren wir mit dem Tunnelblick auch eine biologische Banalität der visuellen Wahrnehmung: Versuchen Sie einmal, einen Punkt im Raum scharf zu fixieren, so werden Sie schnell feststellen, dass mit zunehmendem Abstand zum fixierten Objekt die Unschärfe stark zunimmt. Sobald wir nicht ständig unsere Augen bewegen, und uns damit die Illusion einer Schärfe im gesamten Gesichtsfeld schaffen, sehen wir einen Tunnel. Diesen Tunnel architektonisch mit zu führen bedeutet zugleich, ihn sichtbar zu machen. Ähnlich dem Trick, ein Objekt erst durch seine Verhüllung in den Fokus zu rücken, blenden wir die Ränder architektonisch aus, um sie mit Interesse zu belegen. Aus aktuellem Anlaß verweisen wir hier auf die Bilderwelten des William Turner, der unserer Meinung nach ein Meister des Tunnelblicks war (was ihm laut Hörensagen den Vorwurf eintrug, an einer Sehstörung zu leiden).

Abb. 1: Tunnelröhre U-Bahn HBF Max-Weber-Platz, München
Abb. 2: Alter Elbtunnel in Hamburg
Abb. 3: Geplanter zweiter Sarkophag, AKW Tschernobyl
Abb. 4: Flüchtlingslager in Afrika
Abb. 5: Bahnhof Frankfurt / Main
Abb. 6: Eine Nissenhütte
Abb. 7: Hackerkongress in einer alten Flugzeughalle
Abb. 8: Überdachung der Ausgrabung des 1963 von der Familie Aagaard angelegten Fluchttunnels gen Westberlin
Abb. 9: Gewächshaus in 1100 Metern Höhe am Schweigekloster Santa Maria de Lord bei Sant Llorenç de Morunys, Spanien
Abb.10: Röhre unter der Wettsteinbrücke, Nordseite, Basel
Abb.11: Auf dem Dreispitz-Gelände Basel, das derzeit zu einem "Kreativareal" ausgebaut wird

 



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